Freitag, 18. August 2006

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Stammzell-Forschung bei Querschnitts-Lähmung

Wirbelsäulen-Verletzungen: Selbstheilung durchtrennter Rückenmarkstrukturen und Bildung neuer Nervenzellen

Superman-Darsteller Christopher Reeve kämpfte gegen sein Schicksal und setzte auf Stammzell-Forschung

Der US-Schauspieler war seit seinem Sturz vom Pferd am 27. Mai 1995 auf eine künstliche Unterstützung seiner Atemfunktion angewiesen. Eine Schädigung in Höhe des zweiten Halswirbels beeinträchtigt auch die Funktion des Zwerchfells. Vor etwa einem Jahr unterzog er sich deswegen einer Operation, bei der Elektroden in den Atemmuskel implantiert wurden, um dessen Arbeit, vergleichbar der Wirkung eines Herzschrittmachers, zu unterstützen.

Nach einer Wundinfektion hat Reeves einen Herzstillstand erlitten und war in ein Koma gefallen, aus dem er nicht mehr aufwachte. Der Star von vier "Superman"-Filmen hatte sich seit seinem Unfall für Menschen mit Rückgratverletzungen und die Förderung der Stammzellenforschung eingesetzt. Auch im letzen amerikanischen Wahlkampf war das ein Thema.

Querschnittlähmungen sind Folge von Schädigungen des Rückenmarkes. Neben traumatischen gibt es eine Reihe von anderen Ursachen (zum Beispiel vaskulär, entzündlich, metabolisch, neoplastisch). Die neurologischen Ausfälle betreffen isoliert oder kombiniert motorische, sensible und vegetative Funktionen. Dazu gehören Lähmungen der Extremitäten, Empfindungsstörungen oder –ausfälle in den betroffenen Hautregionen und Funktionsstörungen wie Blasen- und Darmlähmung oder Fehlregulation von Herz und Kreislauf.

Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neurologie liegt in industrialisierten Staaten die jährliche Inzidenz akuter traumatischer Rückenmarkläsionen bei 10 bis 30 Fällen pro einer Million Einwohnern. Männer sind mit rund 70% häufiger betroffen und das durchschnittliche Lebensalter bei Unfall liegt - trotz der Vermutung einer stärkeren Häufung bei Jugendlichen - bei 40 Jahren.

Mit seiner nach dem Unfall gegründeten Stiftung engagierte sich der "Superman"-Darsteller für die weltweite Forschung zur Behandlung von Rückenmarksschäden. Hier wurden in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht, ein wirklicher Durchbruch ist aber noch nicht in Sicht. Eines der Hauptprobleme sind die Heilungsbestrebungen des Körpers selbst: Während schon kurz nach einer Durchtrennung des Rückenmarks verschiedene neuronale Ausläufer versuchen, den Ort des Geschehens zu erreichen, bildet sich Narbengewebe, was ein Durchkommen verhindert. Vergleichbar ist dies den Bemühungen von Rettungskräften, sich auf einer verstopften Autobahn während der Reisezeit den Weg zum Unfallort zu bahnen.

Ansätze, das unerwünschte Reparaturgewebe für wachsende Nervenfasern durchlässig zu machen, gibt es seit etwa vier Jahren mit einem bakteriellen Enzym namens "Chondroitinase ABC". Die Substanz vermag die molekularen Strukturen durch Abspaltung von Zucker aufzubrechen. Im Tierversuch gelang es, durch Injektion des Enzyms bei Mäusen - unterstützt von Wachstumsfaktoren - künstlich verursachte Lähmungen wenigstens partiell wieder rückgängig zu machen.

Letztlich ist aber die Regeneration des verletzten Nervengewebes entscheidend. Dazu wird das Transplantieren von Nervenzellen, Fibroblasten (Gewebezellen) und verschiedenen Gliazellen – das Stützgewebe des Zentralnervensystems – experimentell erforscht. Zu den vielversprechendsten Kandidaten scheinen die so genannten "olfactory ensheathing cells" (OECs) zu gehören. Diese olfaktorischen Gliazellen - der Nervus olfaktorius (Riechnerv) gehört zu den 12 Hinnerven - besitzen Eigenschaften sowohl des peripheren als auch des zentralen Nervensystems, was für die Regeneration der komplexen Nervenstrukturen offensichtlich von Vorteil ist.
Auf der diesjährigen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie wurde die autologe Transplantation von OECs jedenfalls als vielversprechende Perspektive einer zukünftigen Therapie eingeschätzt.

Versucht wird auch der Einsatz von Stammzellen. Schon 1999 berichtete der bekannte deutsche Forscher Oliver Brüstle in der Zeitschrift "Science" über den Einsatz embryonaler Stammzellen für Myelin-Transplantate. In den USA wurden danach Stammzellen aus den Embryos von Schweinen in die Wirbelsäule von mehreren Gelähmten injiziert. Ihre Verwendung ist aber nach wie vor umstritten – nicht nur aus ethischen, sondern auch aus medizinisch-wissenschaftlichen Gründen (dazu vielleicht später mehr unter "Life Style oder so...")

Der Anteil der Wirbelsäulenverletzungen macht statistisch insgesamt etwa 3% aller Verletzungen in Sport und Straßenverkehr aus.

"Die Erforschung von Risiken, wie etwa die mögliche Bildung von Tumoren beim Einsatz embryonaler Zellen, wird noch Jahre in Anspruch nehmen", so Dr. Eberhard Lampeter. Er ist Experte für die Verwendung adulter Stammzellen, wie sie in etwa 20 Organen des Körpers und im Nabelschnurblut von Neugeborenen gefunden werden.

Auch in der kürzlich vom Bundesforschungsministerium veröffentlichten Delphi-Studie zur Zukunft der Stammzellenforschung in Deutschland wird dafür plädiert, dass die Forschung an den ethisch unbedenklichen adulten (erwachsenen) Stammzellen verstärkt wird. Die embryonale Stammzellenforschung berge größere Risiken für die Patienten. Für den klinischen Einsatz von Stammzellen bei Querschnittslähmungen prognostizieren die Wissenschaftler der Studie ein Zeithorizont von 10 bis 15 Jahren. (Dr. med. Jörg A. Zimmermann; medizin.de)

Quelle: http://www.medizin.de

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